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Was verstehen Sie unter Innovation, Herr Reitzig?
Innovation bedeutet
Neuerung, verheißt Zukunftsweisendes und ist insofern verbunden mit
dem Begriff des Fortschritts. In der einzelwirtschaftlichen Logik
sind Innovationen - ob technischer oder nicht-technischer Art - notwendiges
Mittel, um aus Geld mehr Geld bzw. produktive Arbeit noch produktiver
machen. Die Frage ist, wie die steigende Produktivität gesamtwirtschaftlich
genutzt wird. Einerseits kann sie, in Form sinkender Lohnstückkosten,
den unternehmerischen Profit erhöhen. Andererseits kann sie, durch
steuerliche Abschöpfung, für die Verbesserung der öffentlichen Daseinsvorsorge
(Bildung, Gesundheit u.a.) verwandt werden. Ebenso denkbar schließlich:
steigende Löhne bei gleicher Arbeitszeit bzw. sinkende Arbeitszeit
bei gleichem Lohn. Die beiden letzten Varianten ergeben sich jedoch
nicht von allein. Sie müssen von sozialen Bewegungen und Gewerkschaften
gegen die Logik der Unternehmen durchgesetzt werden. Dies gelang bis
in die 1970er Jahre. Der Kuchen wurde zwar nicht in gleich großen
Stücken verteilt aber nach einigermaßen fairen Regeln. Heute hingegen
wächst mit der Produktivität die Zahl derer, die auf dem Arbeitsmarkt
nur ihre Überflüssigkeit erfahren und die Leistungen des Staates sinken
mit seiner Steuerquote. Einzig steigend: die Gewinnquote und die Zahl
der Reichen und Superreichen. Fast die Hälfte des gesamten Nettovermögens
in Deutschland entfällt inzwischen auf nur zehn Prozent der Haushalte.
Umgekehrt verfügt rund die Hälfte über einen Anteil von nur 3,8 Prozent.
Die Starken diktieren den Schwachen die Regeln. Woran es also wirklich
mangelt ist eine innovative Politik, die die Wirtschaft wieder als
eine Veranstaltung behandelt, die im Dienste der Menschen stehen und
nicht zu deren Geißel werden sollte. Das wäre Fortschritt. |
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| Dr.
Jörg Reitzig, Diplom-Sozialökonom und Diplom-Volkswirt am IMU-Institut
für Medienforschung und Urbanistik in Berlin |
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