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Wie viel Gruppe ist normal? - Zum Stand & der Entwicklung der Gruppenarbeit in Deutschland

In Deutschland ist unter dem Namen "Gruppenarbeit" ein buntes Gemisch verschiedener Organisationstypen zu finden, weshalb sich die Frage, in welchem Ausmaß Gruppenarbeit eingesetzt wird, kompliziert gestaltet. Je nach Gruppenarbeitstyp zeigen sich verschiedene Entwicklungspfade und Verbreitungsgrade in Deutschland.

Denn erscheint die Nutzung von Gruppenarbeit auf den ersten Blick sehr beliebt, fällt beim zweiten Hinsehen auf, dass nur im Bereich der funktionalen und detailgesteuerten Gruppenarbeit eine flächendeckende Einführung in Deutschland stattgefunden hat. Als Fazit der vier folgenden Studien kann gesagt werden, dass umso autonomer und vielfältiger die Gruppenarbeit gestaltet ist, desto seltener ist sie in der Realität anzutreffen. Besonders die qualifizierte Gruppenarbeit ist eine Ausnahmeerscheinung bei der Gruppenarbeitsorganisation.

Gruppenarbeit im Maschinenbau - Die NIFA Pannelstudie 1993-1998
Gruppenarbeit in der Zulieferindustrie 1998
Gruppenarbeit in Deutschland - Die IAT Beschäftigtenbefragung von 1998

Gruppenarbeit im Maschinenbau - Die NIFA Panelstudie 1993-1998

Besonders im Bereich des Maschinenbaus ist der Einsatz von Gruppenarbeit dank der NIFA Panel Studie gut recherchiert. Generell wird deutlich, dass Gruppenarbeit in diesem Bereich eine geringere Bedeutung hat als in der deutschen Wirtschaft allgemein.

1998 gaben von den 1643 befragten Unternehmen 46% an, im Bereich der Fertigung Gruppenarbeit zu organisieren. Das sind 6% mehr Unternehmen als 1993. Dabei ist die Nutzung der Arbeitsgruppen bei Unternehmen jeglicher Größe angestiegen, jedoch ist erkennbar, dass je mehr Beschäftigte das Unternehmen hat, desto öfter es Gruppenarbeit eingeführt hat.

Besonders Firmen mit über 1000 Beschäftigten und einer Zuwachsrate bei der Gruppenarbeit von 29,2% zwischen 1993-1998 zeigten eine rasante Veränderung. 1998 haben damit 95,2% dieser Unternehmen gruppenorientierte Organisationsformen eingeführt.

Große Zuwachsraten (11% - 15,9%) sieht man ferner bei allen Firmen die mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigen. Der besonders signifikante Anstieg der Gruppenarbeit bei Unternehmen mit über 500 Beschäftigten Mitte der 90er Jahren kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden: die Rezession des deutschen Maschinenbaus und damit der Druck zur Kostenreduktion, sowie die lean-production Debatte und ihr Fokus auf Teamarbeit. (Saurwein 2000:151-152)

Saurwein, Rainer G. 2000, ”Zur Diffusion von Gruppenarbeit im Maschinenbau – Gestaltung und Dynamik“, in Ulrich Widmaier (Hg.), ”Der deutsche Maschinenbau in den neunziger Jahren – Kontinuität und Wandel einer Branche“, Campus Verlag, Frankfurt/Main

Gruppenarbeit in der Zulieferindustrie 1998

Engroff (2000) beschreibt in ”Stand und Entwicklung von Gruppenarbeit“ eine Studie zur Nutzung von Gruppenarbeit in der Zuliefererbranche im Zuge von Restrukturierungsmaßnahmen. Grund für die Restrukturierungsmaßnahmen war für 90% der Unternehmen äußerer Druck, nur 5% der befragten Unternehmen begannen Restrukturierungsmaßnahmen ohne äußeren Druck und mit dem Ziel durch ständige Verbesserungen die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

Insgesamt gaben 83,2% der Unternehmen an, Gruppenarbeit eingeführt zu haben oder sich mit ihnen zu beschäftigen. Dabei trat in den Unternehmen eine Vielzahl von verschiedenen Gruppenarbeitstypen auf. Engroff (2000) erklärt dies mit dem Umstand, dass ”die meisten Unternehmen bestimmte Rahmenbedingungen unterlagen, innerhalb derer sie sich mit ”ihrer“ Gruppenarbeit bewegen konnten. Dementsprechend setzen sie Gruppenarbeitsformen um, die sich abseits der reinen Lehre befanden, aber ihren eignen internen Bedingungen entsprechen.“ (Engroff 2000:185)

Die Verteilung der verschiedenen Typen ergibt sich wie folgt: Grafik: Stand der Gruppenarbeit

Zur Erklärung der genannten Typen siehe Was versteht man eigentlich unter Gruppenarbeit?.

Quelle:
Engroff, Bernd 2000, ” Stand und Entwicklung von Gruppenarbeit“, in Ulrich Widmaier (Hg.), ”Der deutsche Maschinenbau in den neunziger Jahren – Kontinuität und Wandel einer Branche“, Campus Verlag, Frankfurt/Main
Es wurden insgesamt 220 standardisierte Fragenbogen untersucht, die von Unternehmen beantwortet wurden, bei denen man den Einsatz von Gruppenarbeit annahm. Die Unternehmen kamen dabei zur Hälfte aus der Metallverarbeitung und zu einem Viertel aus dem Maschinen- und Werkzeugbau. Die restlichen 25% der Unternehmen stammen vorwiegend aus der Elektrik/Elektronikbranche, sowie der Kunststoffverarbeitung. Die Mitarbeiterzahl der beschäftigten variierte zwischen 20 und 7000 Mitarbeitern, wobei Unternehmen mit 200-700 Beschäftigten, den größten Anteil hatten.
Die überraschend hohe Zahl ergibt sich zum einem aus dem Umstand, dass in der Befragung gezielt Unternehmen ausgesucht wurden, bei denen man annahm, dass Gruppenarbeit praktizieren. Zum anderen ist der Begriff Gruppenarbeit hier sehr breit gefasst.

Gruppenarbeit in Deutschland - Die IAT Beschäftigtenbefragung von 1998

Klaus Linde (n.d.) erkennt, dass ab Ende der 1990er Jahre sich die Entwicklung zur Gruppenarbeit deutlich verlangsamt und jetzt am Anfang das neue Jahrtausend der Hype um die neue Arbeitsorganisationsform auf ein Normalmaß abgekocht ist.

Das Institut für Arbeit und Technik befragte 1998 3.000 Beschäftigte bezüglich der Existenz von Gruppenarbeit. Dabei wurden nur solche Gruppenarbeitsformen berücksichtigt, in denen tatsächlich kooperativ gearbeitet wurde und in denen Gruppen eine gemeinsame Aufgabe zu bewältigen hatten.

Das Ergebnis zeigt mit 70% eine deutliche Zuwachsrate der Gruppenarbeit von 1993 bis 1998. Absolut gesehen stieg der Gruppenarbeitsanteil jedoch nur von 6,9% (1993) auf 11,7% (1998). Linde konstatiert daraufhin zu Recht: Trotzdem bleibt, absolut gesehen, der Anteil der Beschäftigten in Gruppenarbeit immer noch relativ gering, geringer jedenfalls, als es nach der intensiven Diskussion zu erwarten gewesen wäre. (Linde n.d.)

Von den Beschäftigten, die angaben, in Gruppenarbeit zu arbeiten, gab es bei einem Drittel weder eine gemeinsame Arbeits- und Problemlösungsbesprechungen im Kollegenkreis, noch wechselnden Arbeitsaufgaben, außerdem waren sie in ihrer Tätigkeit auch nicht von der Zusammenarbeit mit KollegInnen abhängig (Salm 2008:4).

Wenn man ferner noch nach Konzepten der Partizipation (Sind Mitarbeiter an der Veränderung von Arbeitsabläufen beteiligt?) und der Autonomie (Können Mitarbeiter selbstständig die Aufgaben verteilen oder Qualitätskontrollen durchführen?) bleibt nur ein Viertel der Beschäftigten übrig, die sich der selbstbestimmten Gruppenarbeit zuordnen lassen (Salm 2008:4).

Vergleicht man die Ergebnisse der Befragung von 1998 und einer gleichlautenden von 1993 wird ferner deutlich, dass der Anteil der selbstbestimmten Gruppenarbeit relativ schwach gewachsen ist. Die einflusslose Gruppenarbeit dagegen hat ihren Anteil verdoppelt und stellt damit den wachstumsstärksten Typus dar (Salm 2008:4).

Salm, Rainer 2008, War der deutsche Weg der Arbeitsorganisation erfolglos? Vorurteile und Fakten zur Wirtschaftlichkeit guter Gruppenarbeit, in: Hilde Wagner ”Arbeit und Leistung – gestern und heute. Ein gewerkschaftliches Politikfeld , VSA-Verlag, Hamburg und im WWW zitiert am 5.08.09:
www2.igmetall.de/homepages/mb-nw-ba-wue/boerse/20851/salmr/51/mein_Text-Endfassung_mit_abb_v1.pdf