Politische Wertentscheidungen vor reiner Ökonomie

Hessens DGB-Vorsitzender Stefan Körzell hat nicht nur die Kosten der SAP-Einführung im Blick, sondern den gesamten Prozess. Er plädiert für ein "Konzept aus Rahmen- und Einzelvereinbarungen".

 

 

Was sagt der DGB zu den hohen Kosten bei der SAP-EInführung?

Körzell: Die Kosten sind schon länger bekannt. Dennoch ist es offensichtlich komplizierter und kostenträchtiger als vermutet, eine für den privatwirtschaftlichen Bereich entwickelte Software an die Bedürfnisse einer öffentlichen Verwaltung anzupassen. Wir müssen verhindern, dass die vermutlich rund 300 Millionen Euro oder mehr deshalb in anderen Bereichen eingespart werden.

Was sagen Sie dazu, dass eine einzige Standardsoftware einer ganzen Landesverwaltung übergestülpt wird?

Körzell: Ziel muss es sein, dass SAP an die Abläufe in den einzelnen Verwaltungen angepasst wird und nicht umgekehrt. Das zieht höheren Aufwand bei der Einführung und auch danach nach sich. Wegen der Kosten und des Zeitdrucks ist die Gefahr des Überstülpens natürlich groß. SAP soll unter anderem die Personalkosten transparent machen.

Kommt der "gläsernen Mitarbeiter"?

Körzell: Die Gefahr besteht. Deswegen fordern die Gewerkschaften ein Datenschutz- und Datensicherheitskonzept zum Schutz der MitarbeiterInnen, aber auch der BürgerInnen. Ein Berechtigungskonzept muss verhindern, dass Daten beliebig miteinander kombiniert und ausgewertet werden können. Im Übrigen muss auch künftig das Primat der Politik gelten: Leistungen dürfen nicht deshalb eingestellt werden, weil sie Geld kosten.

Die Unternehmensberatung KPMG und die Personalräte kritisieren, dass die Schulung auf der Strecke bleibt. Was tun?

Körzell: Da sind wir wieder beim Zeitdruck. Die Beschäftigten können die SAP-Einführung nicht zusätzlich erledigen. Aber genau das ist mit einer "personalkostenneutralen" Einführung gemeint. Außerdem scheint mir das Hessische Competence Center mit der Schulung für die gesamte Landesverwaltung überfordert. Dezentrale Angebote wären der bessere Weg. Zumal es nicht reicht, die AnwenderInnen systemtechnisch zu schulen. Wenn die Abläufe umgestellt werden, müssen sie sich auch fachlich weiterbilden. Und sie benötigen Kompetenzen im Projekt- und Zeitmanagement sowie zur Teamarbeit.

Wer soll das alles durchsetzen?

Körzell: Das müssen natürlich die Gewerkschaften gemeinsam mit den Personalvertretungen machen. Nur reichen deren Rechte dafür nicht aus, wofür gerade auch Ministerpräsident Roland Koch die Verantwortung trägt. Deswegen plädieren wir für eine grundlegende Reform des Personalvertretungsrechts. Ergänzend könnte über einen wissenschaftlichen Beirat zur Steuerung des Gesamtprozesses und eine Prozessvereinbarung zwischen Gewerkschaften und Landesregierung nachgedacht werden. Ich bin zwar kein SAP-Experte. Aber ich habe gelernt, dass die SAP-Einführung keine abschließenden Regelungen zu Beginn des Prozesses zulassen. Stellen wir uns die Landesverwaltung als Konzern vor und entwickeln ein Konzept von Rahmen- und Einzelvereinbarungen, mit dem flexibel auf die jeweiligen Anforderungen reagiert werden kann. Es muss sichergestellt werden, dass die Personalräte die fachliche Unterstützung und Schulung bekommen, die sie benötigen, und zwar nicht nur durch Accenture, sondern durch freigewählte Bildungsträger, wie etwa die TBS des DGB-Hessen.

Zurück zum Anfang


und gefördert von
von Hessen gefördert von der EU gefördert